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Zubiri

Heute hatten wir ein Erlebnis der besonderen Art, eine Begegnung, die man eben nur hat, wenn man sich dem Zufall überlässt. Eigentlich wollten wir nur bis Larrisona pilgern, da wir aber schon sehr früh dort waren, haben wir uns entschlossen zum nächsten Ort weiter zu wandern. Unterwegs habe ich üblich meine Neuropa-Aufkleber wieder an Strassenpfosten angebracht und bin dabei zum ersten Mal auf eine negative Reaktion gestoßen. Von einem Grundstück am Wegesrand, auf dem ein sehr interessantes altes Gemäuer stand, meldete sich ein Mann zu Wort, der das gar nicht gut fand. Er sprach uns auf Englisch an, offensichtlich ein native-speaker und wir haben uns daraufhin auf ein Diskussion mit ihm eingelassen. Ich habe mir seine Argumente angehört- und ihm auch recht gegeben: wenn das jeder macht, sieht der Camino bald schrecklich aus. Ich habe dann versucht ihm zu erklären, dass das Teil eines Kunstprojektes ist und ich sehr behutsam meine Aufkleber verteile und ihm dann erklärt worum es bei unserem Projekt geht. Schnell hat er sich beruhigt und wir sind in ein intensives Gespräch darüber gekommen, wie der Camino sich immer mehr zu einer kommerziellen Massenveranstaltung entwickelt und wie wenig vom ursprünglichen Geist noch übrig ist. Je mehr wir miteinander ins Gespräch kamen umso mehr spürte ich unsere geistige Verwandschaft. Schließlich hat er uns auf sein Grundstück eingeladen und uns seinen „Schatz“ gezeigt, den er gefunden hat. Neil- so heisst der nette Mann (aus Süd-Afrika, wie er uns später erzählte) hat nämlich auf dem Camino nicht nur seine Frau kennengelernt (mit der er jetzt eine süße kleine Tochter hat) sondern sich auch entschlossen sich am Camino nieder zu lassen. Bei der Suche nach einer Immobilie ist er auf ein alte Kirche gestoßen und konnte sie tatsächlich gegen viele Widerstände erwerben. Jetzt ist er am Renovieren und was er dabei findet ist sensationell. Hinter den Schichten, die von späteren Generationen darüber gelegt wurden, entdeckte er die ursprüngliche Bausubstanz aus dem 12. Jahrhundert und einiges deutet darauf hin, dass das ein wichtiger Ort der Templer war. Neil ist Restaurator und legt nun fachmännisch diese alten Schichten wieder frei. Hinter dem Altar ist ein Gemälde freigelegt, wie ich es noch nie gesehen habe, es erinnert an einen orientalischen Teppich. Ich kann das hier alles gar nicht zusammen fassen, was er uns alles gezeigt hat, jedenfalls haben wir über eine Stunde in angeregtem Gespräch miteinander verbracht. Seine Idee, dort mit Freiwilligen die Restauration weiter fortzuführen (er bekommt keinerlei staatliche Unterstützung bisher) und später einen Ort für Pilger zu schaffen, die nicht gegen Geld dort übernachten können- eventuell auch in Hängematten unter dem Sternenhimmel- sondern gegen Mitarbeit bei der Gestaltung des großen Grundstückes fand ich interessant, ich würde das sofort machen. Jedenfalls hat sich die für uns zunächst etwas unschöne Begegnung überraschend in eine sehr interessante Erfahrung verändert und als wir uns verabschiedeten und unsere Adressen und Kontaktdaten austauschten hatte ich das Gefühl, hier eine verwandte Seele gefunden zu haben.

Mehr Infos über diesen wundersamen Ort und ein paar sehr schöne Konzert-Aufnahmen in der „Baustelle“ findet ihr auf seiner website : http://www.caminoabbey.org oder auf facebook unter: theabbey.

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Huerta

Am Ortseingang von Huerta, einem Vorort von Pamplona steht ein schwarzer, fensterloser Kubus freischwebend auf Stelzen, mit der Umgebung nur durch Gitterrost-Brücken verbunden: Das Centro de arte contemporaneo. Ein Stück moderner Architektur, hermetisch und rätselhaft, ein zum Kubus gewordenes schwarzes Quadrat. Architekturgewordene Ideologie einer Kunst, die sich an der Idee ihrer Autonomie fest macht, ein schwarzer „white cube“ sozusagen. Nirgends ein Hinweis , worum es sich hier handelt oder was an diesem Ort geschieht, die großen Stahltüren wirken abweisend und wenig einladend. Auf der Suche nach dem Kunstzentrum, mit dem wir eine Kooperation vereinbart hatten, gehe ich erst mal an dem Gebäude vorbei ohne auf die Idee zu kommen, dass das die Adresse ist, die ich suche. Am Ortsrand kehre ich um, frage nochmals googlemaps um Rat und begebe mich dann doch in dieses Gebäude. Unsere Ansprechpartnerin Eliza empfängt mich freundlich, wir besprechen nochmals Details unserer angekündigten Aktion und dann stellt sich plötzlich heraus, dass es bei dem Gebäude überhaupt keinen möglichen Stellplatz für unsere geodätische Kuppel gibt. Wir sind zunächst ratlos, Eliza schlägt vor in den öffentlichen Raum in der Nähe zu gehen und für uns einen Genehmigungs-Antrag zu stellen. Wir verabschieden uns, ich setze mich in ein Cafe und sehe unsere Felle davon schwimmen, so schnell ist nirgends eine Genehmigung zu bekommen, auch nicht in Spanien. Kurz darauf meldet sich Gerhard vom Projekt European Public Sphere mit einer überraschenden Botschaft: er ist inzwischen auch im Kunstzentrum angekommen und hat erfahren, dass es Problme gibt, die Stadtverwaltung hat sofort reagiert und klar gestellt, dass es so schnell keine Genehmigung gibt. Aber die Leitung des Kunst-Zentrum hat angeboten, dass wir unsere Kuppel auf dem Parkplatz aufbauen könnten, der unter dem Stelzen-Gebäude liegt. Der Vorschlag hat Charme. Das halb-unterirdische Parkdeck ist ein klassischer Unort mit dystopischem Charme. Zwar haben wir dort keine Chance auf „Lauf-Kundschaft“ für unsere Gesprächsrunden, aber dafür ist das Bild, das dabei entsteht frappierend: Die Kuppel unter dem „schwarzen Kubus“ wirkt ausnehmend subversiv, man kann sie wie ein unterirdisches Samenkorn betrachten oder wie ein Ei, das unter einem brütenden Vogel liegt. Beide Bilder öffnen ein Assoziationsfeld das mir gefällt und wir sagen sofort zu.
Wir haben heute also die Kuppel dort aufgebaut und wie befürchtet haben auch nicht viele Besucher den Weg dorthin gefunden, aber die wenigen Gespräche über die Zukunft Europas waren sehr intensiv, das ständige Wechseln zwischen verschieden Sprachen und die Notwendigkeit der Übersetzung für diejenigen, die die gerade gesprochene Sprache nicht verstehen ist der Langsamkeit und Intensität des Gesprächs eher förderlich. Besonders erfreut hat mich ein Gespräch mit einem Künstler aus Dänemark, der z.Z. im Zentrum zu Gast ist und mit seiner Projektgruppe „Hello earth“ interessante Projekte macht, demnächst werden sie in Pamplona eine „Schlaf-Performance“ machen mit der Intention, damit die postkapitalistische Gesellschaft zu befördern. Unsere Intention, den Camino rückwärts nach NEUROPA zu laufen, da wir den „reset“ schon hinter uns haben, passt gut zu seiner Überzeugung, dass wir im Schlaf schon immer ganz woanders sind…
Jedenfalls hat es sich gelohnt die Kuppel trotz einiger Widrigkeiten aufzubauen und wir verabschieden uns vom Kunstzentrum Huarte mit der Überzeugung, dass die abweisend autonom-moderne Gestalt des Zentrums nicht unbedingt Ausdruck der hier entwickelten Kunst-Praxis ist, die Künstler verstehen es sehr wohl sich in den urbanen und sozialen Kontext des Ortes einzubringen, sie haben die hermetische Selbstbeschränkung der Moderne schon längst hinter sich gelassen. Nicht immer ist die architektonische Form der passende Ausdruck des Inhaltes.

Zarequiguie

Wir sind schon ein gutes Stück Weg gegangen, aber nach Neuropa ist es noch sehr weit.Wie weit, erleben wir in Alltags-Situationen, in denen sich erweist, wie weit wir schon personale Fähigkeiten entwickelt haben, die ein besseres soziales Zusammenleben vorstellbar werden lassen. Sobald wir in konkreten sozialen Zusammenhängen handeln können wir immer wieder erleben wie schwer das ist. Heute hatten wir so eine kleine Situation, die uns das wieder vor Augen geführt hat. Seit heute sind wir ja zu viert unterwegs und da ist die Entscheidungs-Findung welchen der (für uns „Gegen-Pilger“ nicht durch Wegzeichen erkennbaren) Wege wir nehmen sollen nicht so einfach. Wir standen also an einer Abzweigung, Meinung stand gegen Meinung, die Karten und Google-Infos passten nicht zusammen. Eine klassische Situation in der die Entscheidung Folgen hat und objektive Fakten nicht verfügbar sind. Was tun in derartigen Situationen? Mehrheitsabstimmung wäre eine Möglichkeit, der Preis ist jedoch, dass die zahlenmäßig unterlegene Gruppierung bei der nachträglich sich als Falsch erwiesenen Entscheidung ärgert und auf ihr „BesserWissen“ verweist. Eine andere Möglichkeit wäre die Konsens-Entscheidung, bei der man sich im dialogisch-wahrnehmenden Gespräch so weit wie möglich auf ein Ergebnis einigt und das „Minderheitenvotum“ so gut wie möglich würdigt, die Minderheit sich dann aus freier Entscheidung dem Mehrheitsvotum anschließt und die – auch möglicherweise negativen Folgen – dann ohne Murren mitträgt. Es gibt heute schon einige Gemeinschaften und Organisationen, die dieses Konsens-Prinzip erproben. Unsere „Lösung“ war weit davon entfernt, schnell fielen die Worte „Mit Dir diskutiere ich das nicht am frühen Morgen“ und eine Konsensentscheidung damit verunmöglicht. Die „Kontrahenten“ entschieden sich dann für ihre jeweils eigenen Wege – beide führten zum Ziel, der eine direkter, der andere auf Umwegen. Aber vorbildliche Neuropäer waren wir in dieser Situation nicht und der Rest des Tages stimmungsmäßig getrübt- und das bei strahlendem Sonnenschein.

Unser Weg führte dann am Nachmittag über den „Alto de Perdone“und wir konnten uns beim mühsamen Aufstieg ausgiebig in der Selbstreflexion üben. Oben angekommen belohnte uns dann ein herrlicher Ausblick über die weite Landschaft und am Horizont die schneebedeckten Pyrenäen. So ist das Pilgern…

Und hier ein Foto mit Dieter und Birgit an der Neuropa-Haltestelle heute morgen in Punte de la Reina

Puente la Reina

Na so etwas: gerade habe ich eine mail von Gerhard bekommen, der mit dem Begleitfahrzeug von Achberg nach Pamplona unterwegs ist um die „Kuppel“ für unsere Gesprächs-Runden zu bringen. Daran angehängt ein Foto, das unseren Neuropa-Aufkleber zeigt. Anscheinend hat das Begleitfahrzeug eine Kreuzung mit dem Jakobsweg passiert, an dem ich einen Aufkleber am Pfosten eines Strassenschildes angebracht habe und das aufmerksame Dome-Team hat ihn tatsächlich beim Vorbeifahren entdeckt. Und natürlich haben sie es sich nehmen lassen, den „European Public Sphere“ -Aufkleber darunter zu platzieren. Ein nettes Zusammentreffen unserer „Logos“ irgendwo hinter Belorado.
Inzwischen ist unser Neuropa-Pilger-Team auch vollständig versammelt, vorgestern ist Birgit Irmer dazugestoßen und heute Dieter Harlos. Das freut mich sehr, dass dieses Jahr das „Plan-Soll“ so gut erfüllt wurde. Ich habe mir nämlich eine expotentielle Steigerung des Teams in jedem Folgejahr vorgenommen und von zwei auf vier hat das schon mal ganz gut geklappt. Wenn das so weiter geht, werden am Mont Pelerin im Jahr 2022 dann 128 entschlossene Neuropäer eintreffen um die entscheidende Wende einzuläuten.
….Na ja, man darf auch träumen, zumindest wenn man sich bemüht den Träumen Taten folgen zu lassen. Und übermorgen treffen wir dann das „Dome-Team“ in Pamplona.

Ciraqui

Beinahe wären wir heute an einem kleinen Stück Neuropa vorbeigewandert. Kurz vor Ciraqui bemerkten wir hinter einer dichten Hecke am Wegrand fröhliche Stimmen und ein paar bunte Objekte. Neugierig geworden schauten wir am Ende der Hecke zurück, was es dahinter wohl zu entdecken gab. Eine einladende Situation mit spielerischen Objekten und Installationen lud uns ein, ein Stück Weg hinter der Hecke zurück zu gehen und wir landeten schließlich in einem Olivenhain, in dem weitere ähnliche Installationen verteilt waren. Einige alte Liege- und Schaukelstühle, ein Tisch mit Früchten und warmen Getränken (gegen Spende) machten einen einladenen Eindruck und um eine Feuerstelle saßen ein paar junge Leute und unterhielten sich lebhaft. Wir bedienten uns an dem Angebot und setzten uns dazu. Ein hagerer, junger Mann mit langem, geflochtenem Zopf – Iván mit Namen – erklärte uns dann auf unsere Nachfrage, dass das sein Projekt „Olivengarten“ sei, das er vor einem Jahr zusammen mit einem Freund ins Leben gerufen habe. Sie haben das Grundstück gekauft und wollen den Olivenanbau auf ökologische Bewirtschaftung umstellen- etwa 4000kg Oliven haben sie schon geerntet im letzten Jahr. Das Grundstück wollen sie zu einem künstlerisch gestalteten Rast-Platz für Pilger ausgestalten, auch ein paar Tipis sind in Planung zur Übernachtung. Ein Ort der Begegnung in einer zwanglosen und liebevoll gestalteten Umgebung. Mir ging das Herz auf bei diesem Anblick und der gastfreundlichen Atmosphäre hier, die sich schnell mit weiteren Pilgern füllte. Wir durften unsere Neuropa-Fahne an einem Olivenbaum aufhängen und stellten dem Gastgeber und den Mit-Pilgern unser Projekt vor. Irgendwie hatte das etwas Utopisches: die Menschen aus allen möglichen Ländern in ihren jeweiligen Sprachen und Habitus, versammelt unter 400-jährigen Olivenbäumen, alle irgendwie unterwegs, jede(r) auf seine/ihre Weise, irgendwelche Träumer, die sich nicht daran hindern lassen ihre Träume zu leben. Das ist schon ein kleines Stück Neuropa, auf halbem Weg zwischen Estella und Puente la Reina. Und wie es oft ist in derartig stimmigen Situationen, bin ich viel zu involviert um daran zu denken die passenden Fotos zu machen. (aber die Bilder in Euren Köpfen sind sowieso viel wichtiger)