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Zwischenbilanz

Bei der diesjährigen Etappe von Burgos bis St.JeanPied de Port haben wir ein neues Format erprobt, um das Thema „Auf dem Camino Revolta unterwegs nach NEUROPA“ weiter zu vertiefen. In Kooperation mit der Initiative „EUROPEAN PUBLIC SPHERE“ wurden öffentliche Gesprächsrunden initiiert, bei denen interessierte PassantInnen mit uns und untereinander ins Gespräch kommen konnten, was Ihnen Europa bedeutet und wie sie sich ein neues Europa vorstellen würden, ein Neuropa, das sich mehr als bisher an den Vorstellungen und Anliegen der Menschen orientiert, die hier leben.

Ursprünglich waren vier „Dome-talks“ geplant, da es sich aber mit den Genehmigungen als schwieriger erwies, als wir gedacht hatten und sich beim Probe-Aufbau in Achberg auch der Kuppelbau als noch zu langwierig und kompliziert herausstellte, haben wir beschlossen, bei dieser Etappe erst mal nur zwei Veranstaltungen zu realisieren: In Huarte und in San Sebastian. In Huarte stellte sich dann heraus, dass die Lage des Kunst-und Kulturzentrums an der Peripherie es erschwerte „Lauf-Publikum“ zu erreichen, weshalb nur wenige Besucher auf Grund unserer Einladungen und Flugblätter den Weg dorthin fanden. Dafür gab es jedoch ein Video-Interview, das auf der website des Zentrums veröffentlicht werden soll und einige interessante Kontakte mit Künstler-KollegInnen haben sich entwickelt, die vielleicht bei den nächsten Etappen zu Kooperationen führen können. In San Sebastian hat das Format „Dome -Talk“ sich dann gut bewährt, da es auf einem gut besuchten öffentliche Platz stattfinden konnte und entsprechend die Aufmerksamkeit auf sich zog.

Die Erfahrungen mit diesem neuen Format haben mich zu einigen Ideen inspiriert, wie sich das Projekt weiter entwickeln kann. Ein mobiles Equipment, das in einem Begleitfahrzeug mitgeführt wird, schnell aufgebaut ist und eine kommunikative Atmosphäre generiert, könnte also bei den nächsten Etappen eine wichtige Rolle spielen. Vielleicht auch mit künstlerisch-kulturellen Elementen wie Musik oder Schauspiel- mal sehn was uns da noch so einfällt!

Lust bekommen mit zu denken und mit zu kommen? Einfach Kontakt aufnehmen, ich freu mich auf alte und neue WeggefährtInnen bei der nächsten Etappe von St.Jean nach le Puy und weiter.

Hier ein paar Eindrücke vom „Dome-talk in San Sebastian sowie ein Video aus Huarte: Video Huarte

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Bayonne

Der Bus für meine Rückfahrt fährt in Bayonne ab, deshalb habe ich heute noch einen wohlverdienten „Touristentag“ dort verbracht.

Bayonne ist eine sehenswerte Stadt am Zusammenfluss von Nive und Adour an der Atlantikküste ganz im Süden Frankreichs. Es gibt hier eine sehr sehenswerte Kathedrale, viele kleine Strassencafes, nette Touristenläden, eine typische Markthalle, alles eben, was das Leben in Frankreich so lebenswert macht.
In den pittoresken Gässchen zwischen den alten Bürgerhäusern gehen die Einheimischen ihren alltäglichen Verrichtungen nach und die Touristen tummeln sich mit ihren Kameras bewaffnet dazwischen. Ein eigentlich friedliches Bild in der Stadt, in der das Bayonette erfunden wurde, das Aufsteckmesser für Gewehre für den Nahkampf.

Wären da nicht die Soldaten, die in martialischer Kampfmontur, den Finger am Abzug ihrer Maschienen-Pistolen, in militaerischer Vierer-Formation durch die Stadt patroullieren. Europa 2018. Der Krieg, den wir permanent exportieren ist still und heimlich in unsere Städte zurückgekehrt. Die Festung Europa versucht die unsichtbare Gefahr, die sie selbst produziert, mit absurden Gesten der „Sicherheit“ wie dieser hier zu bannen. Vergeblich.

Es gibt keine Sicherheit solange wir unser Leben und unsere Poltik so organisieren, wie wir das bisher gewohnt sind. Es gibt keine Sicherheit auf Kosten von Anderen, so wenig wie Freiheit und Gerechtigkeit – und es wird kein NEUROPA geben, solange wir unsere Exklusivität auf Kosten des Restes der Welt glauben leben zu können.

Irgendwo sah ich dann heute ein Kinoplakat mit der Aufschrift „La liberté n’a pas de prix“ (Die Freiheit hat keinen Preis). Ich kenne den Film nicht, für den dieses Plakat wirbt, aber ich kenne den Film in dem wir leben – und der gefällt mir gar nicht. Unterwegs hab ich manchmal „How many roads must a man walk down…“ von Bob Dylan gesungen und ich frage mich, wie weit wir noch gehen müssen bis wir irgendwann ein friedliches und solidarisches Zusammenleben in Freiheit und Gerechtigkeit erreicht haben.

Wer Lust hat nächstes Jahr mitzugehen ist hiermit herzlich eingeladen.

St. Jean Pied de Port

Unsere „Herbergs-Mutter“ in St. Jean Pied de Port, dem klassischen Ausgangspunkt der Camino-Pilger und unser vorläufiges Ziel, ist eine sehr herzliche Madam, sie kennt jeden Gast mit Vornamen und stellt beim gemeinsamen Frühstück die Gäste gegenseitig vor. Eine sehr schöne Geste!

Gleich beim Einchecken hat sie unsere NEUROPA-T-shirts bemerkt und sich erkundigt, was es damit auf sich habe. Und als wir ihr die Idee erklärt haben, dass wir für ein „zukunftsfähiges Europa“ unterwegs seien, in dem Werte wie Solidarität, Gerechtigkeit und Demokratie nicht nur Schlagworte seien, sondern eine tatsächliche Wirklichkeit, war sie sehr angetan. Und dann kam von ihr eine sehr interessante Bemerkung: Dass ausgerechnet eine Gruppe Deutscher auf diese Idee käme, dass Europa reformbedürftig sei und ein „besseres NEUROPA“ wünschenswert, fände sie wirklich bemerkenswert. Da ist mir mal wieder sehr klar geworden, wie einseitig die bisherige Union auf den Vorteil Deutschlands zurechtgestutzt wurde und wie dringend notwendig es ist, hier entgegen zu steuern.

Dieses Gespräch ist ein schönes Beispiel dafür, wie das „Format“ mit dem wir bei der diesjährigen Etappe unterwegs waren, funktioniert. Die leuchtend-orangenen T-shirts mit dem AufdruckNEUROPA und gelegentlich die Fahne mit demselben Logo, hat viele der entgegenkommenden Pilger animiert, uns nicht nur die Frage zu stellen weshalb wir „in die falsche Richtung“ pilgern, sondern auch, was NEUROPA bedeuten soll. Der Gesprächseinstieg war damit einfach, wir haben die Frage einfach zurückgespiegelt und zumeist geantwortet, dass wir von Finisterre kommen, dem „Ende der Welt“ am äußersten Rand Europas und nun unterwegs seien nach NEUROPA und wenn unser Gegenüber dann weiter wissen wollte, wo denn NEUROPA liegt, haben wir einfach zurückgefragt, was er oder sie denn selbst meine. Und spätestens wenn wir noch ergänzt haben, dass NEUROPA in der Zukunft liegt, ging meist ein Lächeln über die Gesichter und wir konnten unbefangen in das Gespräch darüber kommen, wie sich unsere Gesprächspartner diese Zukunft vorstellen. Interessant war zu dabei wahrzunehmen, dass viele Menschen zwar Europa wichtig finden – selten, dass jemand die Europäische Union für komplett überflüssig hielt – zugleich aber ist auffällig, dass die meisten Menschen mit dem gegenwärtigen Zustand Europas unzufrieden sind. Zunächst werden also oft kritische Anmerkungen gemacht über Europa, schwieriger ist es, in den Gesprächen auch über Ideen zu sprechen, wie ein „besseres Europa“ aussehen könnte. Wir haben dann oft eine unsere „Fragen-Karten“ überreicht, auf denen wir in einem kurzen Satz unser Projekt erläutern und die Bitte aussprechen, doch eine eigene Idee oder ein Projekt zu beschreiben, das für eine bessere Zukunft wegweisend sein könnte. Ich bin gespannt, wie viele Menschen diese Möglichkeit nutzen, mit uns ins Gespräch zu kommen. Bei den „Dome-Talks“ in Huerte und San Sebastian haben schon ein paar Menschen direkt die Karten beschriftet, teilweise in ihren Heimat-Sprachen. Auch das ist ein schönes Bild der Vielfalt eines kommenden NEUROPA.

St.Jean Pied de Port

Vielleicht habt ihr Euch gewundert,weshalb der Blog-Beitrag von gestern erst heute online ging. Die Erklärung sind die Menge der Pilger, die in Resconvalles „durchgeschleust“ werden. Zwar haben die Verantwortlichen hier diesen „Pilgerfluss“ gut durchorganisiert aber das Wifi ist komplett überfordert. Keine Chance hier einzuloggen, der virtuelle Raum ist in dieser altehrwürdigen Abtei ziemlich überbevölkert…

Heute haben wir uns dann als Abschluss des diesjährigen Camino-Revolta-Projektes die „Königs-Etappe“ der Pyrenäen-Überquerung vorgenommen und es war ein wirklich krönender Abschluss. Nach einem sehr steilen Anstieg haben wir nach 2 Stunden die Baumgrenze erreicht und sind dann durch lichte Buchenwälder , die mit ihrem eigentümlichen Grauton ernst und majestätisch wirken bevor das helle Maigrün ganz vorsichtig aus den Knospen bricht, bis zum Gipfel aufgestiegen. Unter uns ein weites Wolkenmeer, das in den Tälern wie ein Meer aus Watte wogt, Berggipfel, die wie Inseln darin schwimmen – Gipfelerlebnissen kann man schlecht in Worte fassen, man muss sie sich gelegentlich gönnen, die damit verbundenenMühe lohnt sich allemal. Einzelne Schneefelder erinnerten daran, dass die „route Napoleon“ noch vor 3 Wochen gesperrt war wegen Schnee, wir haben sie als Kulissen benutzt um die NEUROPA-Fahne an diesem besonderen Ort , der die iberische Halbinsel vom restlichen Kontinent separiert, fotogen zu inszenieren bevor wir uns an den langen Abstieg nach St.Jean auf der französischen Seite gemacht haben. Nebel stieg langsam aus den Tälern empor und dann waren wir über Stunden in einer Atmosphäre eingehüllt, wie man sie eigentlich nur aus Tarkovsky-Filmen kennt. Die Sicht verlor sich nach wenigen Metern, Glockenläuten aus dem undurchschaubaren Nichts kam manchmal näher und entfernte sich dann wieder, gelegentlich gab ein weidendes Pferd sich als dessen Ursache zu erkennen. Seltsam zeitlos standen kräftige Kaltblut-Pferde in kleinen Gruppen zusammen, schauten kurz zu uns herüber und widmeten sich dann ganz wieder ihrem eigentlichen Daseins-Grund: dem „Da sein“. Wu-Wei nennen das die Weisen des Ostens…

Stundenlanges Pilgern in dieser Atmosphäre lässt einen die Unwichtigkeit der Zeit erahnen. Könnte ich doch ein kleines Stück dieser Erfahrung in meinen Rucksack packen und mitnehmen.

Roncesvalles

Heute sind wir nach Roncesvalles aufgestiegen, der Abtei in den Pyrenäen, wo die Pilger aus Frankreich kommend ihre erste mühsame Etappe über den Berggrat beenden. Es ist ein interessantes Erlebnis sich nach der Durchquerung Spaniens in der Gegenrichtung sich nun hier einzureihen in die Masse derer, die hier ihren Weg beginnen. Es sind jeden Tag Hunderte, die hier den Camino wie einen unablässigen Strom neu mit ihren Hoffnungen, ihren Idealen und ihrem Ehrgeiz füllen. Es hat etwas befremdliches an sich, wenn man diese Menschenmassen sieht – und doch ist jeder/jede ein einzelner Mensch der sich auf diesen Weg macht.
Nicht nur die individuellen Motive sind sehr unterschiedlich, hier kann man auch mitbekommen, wie verschieden die „settings“ sind der verschiedenen Pilgergruppen. Beim Essen saßen wir zusammen mit einer Gruppe Damen aus den USA, die den „Way of St. James“ als Komplettpaket gebucht haben mit Gepäcktransport, festgelegten Etappen und besseren Hotels, da kann nichts mehr schief gehen… Aber auch ihr Weg wird trotz Pauschalangebot (keine Ahnung was so etwas kostet) vielleicht eine wichtige Erfahrung werden, ich hoffe es für sie…
Rätselhaft sind mir vor allem die vielen Koreaner auf dem Camino, viele extrem jung, sie haben alle einen Kinofilm in ihrer Heimat gesehen über den Camino und suchen nun nach der authentischen Erfahrung hinter der Kino-Leinwand. Wie erleben sie wohl dieses uralte Kulturereignis des Pilgerns auf dem Jakobsweg, wie sehen sie die alten Kirchen und Zeugnisse einer Kultur, die uns gerade selbst entschwindet? Oder haben vielleicht gerade sie eine besondere Empfänglichkeit dafür? Hat „Old Europe“ gerade den vielen Amerikanern und Asiaten hier auf dem Weg besonders viel zu sagen? Keine Ahnung, meine eigene Suche nach den Wurzeln unserer gemeinsamen europäischen Kultur hat mir auf diesem Weg viele innere Erfahrungen vermittelt und einen Bilderschatz (im doppelten Wortsinn) beschert, den ich erst mal verarbeiten muss. Wie muss das dann für Menschen aus anderen Kulturen sein? Neuropa interessiert diese Menschen sicher wenig, sie haben mit der Gestaltung ihrer eigenen Zukunft genug zu tun. Und für mich stellt sich damit die Frage nach der Bedeutung Neuropas in einem globalen Sinn.
Aber erst mal müssen wir morgen über den Bergpass.

Zubiri

Heute hatten wir ein Erlebnis der besonderen Art, eine Begegnung, die man eben nur hat, wenn man sich dem Zufall überlässt. Eigentlich wollten wir nur bis Larrisona pilgern, da wir aber schon sehr früh dort waren, haben wir uns entschlossen zum nächsten Ort weiter zu wandern. Unterwegs habe ich üblich meine Neuropa-Aufkleber wieder an Strassenpfosten angebracht und bin dabei zum ersten Mal auf eine negative Reaktion gestoßen. Von einem Grundstück am Wegesrand, auf dem ein sehr interessantes altes Gemäuer stand, meldete sich ein Mann zu Wort, der das gar nicht gut fand. Er sprach uns auf Englisch an, offensichtlich ein native-speaker und wir haben uns daraufhin auf ein Diskussion mit ihm eingelassen. Ich habe mir seine Argumente angehört- und ihm auch recht gegeben: wenn das jeder macht, sieht der Camino bald schrecklich aus. Ich habe dann versucht ihm zu erklären, dass das Teil eines Kunstprojektes ist und ich sehr behutsam meine Aufkleber verteile und ihm dann erklärt worum es bei unserem Projekt geht. Schnell hat er sich beruhigt und wir sind in ein intensives Gespräch darüber gekommen, wie der Camino sich immer mehr zu einer kommerziellen Massenveranstaltung entwickelt und wie wenig vom ursprünglichen Geist noch übrig ist. Je mehr wir miteinander ins Gespräch kamen umso mehr spürte ich unsere geistige Verwandschaft. Schließlich hat er uns auf sein Grundstück eingeladen und uns seinen „Schatz“ gezeigt, den er gefunden hat. Neil- so heisst der nette Mann (aus Süd-Afrika, wie er uns später erzählte) hat nämlich auf dem Camino nicht nur seine Frau kennengelernt (mit der er jetzt eine süße kleine Tochter hat) sondern sich auch entschlossen sich am Camino nieder zu lassen. Bei der Suche nach einer Immobilie ist er auf ein alte Kirche gestoßen und konnte sie tatsächlich gegen viele Widerstände erwerben. Jetzt ist er am Renovieren und was er dabei findet ist sensationell. Hinter den Schichten, die von späteren Generationen darüber gelegt wurden, entdeckte er die ursprüngliche Bausubstanz aus dem 12. Jahrhundert und einiges deutet darauf hin, dass das ein wichtiger Ort der Templer war. Neil ist Restaurator und legt nun fachmännisch diese alten Schichten wieder frei. Hinter dem Altar ist ein Gemälde freigelegt, wie ich es noch nie gesehen habe, es erinnert an einen orientalischen Teppich. Ich kann das hier alles gar nicht zusammen fassen, was er uns alles gezeigt hat, jedenfalls haben wir über eine Stunde in angeregtem Gespräch miteinander verbracht. Seine Idee, dort mit Freiwilligen die Restauration weiter fortzuführen (er bekommt keinerlei staatliche Unterstützung bisher) und später einen Ort für Pilger zu schaffen, die nicht gegen Geld dort übernachten können- eventuell auch in Hängematten unter dem Sternenhimmel- sondern gegen Mitarbeit bei der Gestaltung des großen Grundstückes fand ich interessant, ich würde das sofort machen. Jedenfalls hat sich die für uns zunächst etwas unschöne Begegnung überraschend in eine sehr interessante Erfahrung verändert und als wir uns verabschiedeten und unsere Adressen und Kontaktdaten austauschten hatte ich das Gefühl, hier eine verwandte Seele gefunden zu haben.

Mehr Infos über diesen wundersamen Ort und ein paar sehr schöne Konzert-Aufnahmen in der „Baustelle“ findet ihr auf seiner website : http://www.caminoabbey.org oder auf facebook unter: theabbey.

Huerta

Am Ortseingang von Huerta, einem Vorort von Pamplona steht ein schwarzer, fensterloser Kubus freischwebend auf Stelzen, mit der Umgebung nur durch Gitterrost-Brücken verbunden: Das Centro de arte contemporaneo. Ein Stück moderner Architektur, hermetisch und rätselhaft, ein zum Kubus gewordenes schwarzes Quadrat. Architekturgewordene Ideologie einer Kunst, die sich an der Idee ihrer Autonomie fest macht, ein schwarzer „white cube“ sozusagen. Nirgends ein Hinweis , worum es sich hier handelt oder was an diesem Ort geschieht, die großen Stahltüren wirken abweisend und wenig einladend. Auf der Suche nach dem Kunstzentrum, mit dem wir eine Kooperation vereinbart hatten, gehe ich erst mal an dem Gebäude vorbei ohne auf die Idee zu kommen, dass das die Adresse ist, die ich suche. Am Ortsrand kehre ich um, frage nochmals googlemaps um Rat und begebe mich dann doch in dieses Gebäude. Unsere Ansprechpartnerin Eliza empfängt mich freundlich, wir besprechen nochmals Details unserer angekündigten Aktion und dann stellt sich plötzlich heraus, dass es bei dem Gebäude überhaupt keinen möglichen Stellplatz für unsere geodätische Kuppel gibt. Wir sind zunächst ratlos, Eliza schlägt vor in den öffentlichen Raum in der Nähe zu gehen und für uns einen Genehmigungs-Antrag zu stellen. Wir verabschieden uns, ich setze mich in ein Cafe und sehe unsere Felle davon schwimmen, so schnell ist nirgends eine Genehmigung zu bekommen, auch nicht in Spanien. Kurz darauf meldet sich Gerhard vom Projekt European Public Sphere mit einer überraschenden Botschaft: er ist inzwischen auch im Kunstzentrum angekommen und hat erfahren, dass es Problme gibt, die Stadtverwaltung hat sofort reagiert und klar gestellt, dass es so schnell keine Genehmigung gibt. Aber die Leitung des Kunst-Zentrum hat angeboten, dass wir unsere Kuppel auf dem Parkplatz aufbauen könnten, der unter dem Stelzen-Gebäude liegt. Der Vorschlag hat Charme. Das halb-unterirdische Parkdeck ist ein klassischer Unort mit dystopischem Charme. Zwar haben wir dort keine Chance auf „Lauf-Kundschaft“ für unsere Gesprächsrunden, aber dafür ist das Bild, das dabei entsteht frappierend: Die Kuppel unter dem „schwarzen Kubus“ wirkt ausnehmend subversiv, man kann sie wie ein unterirdisches Samenkorn betrachten oder wie ein Ei, das unter einem brütenden Vogel liegt. Beide Bilder öffnen ein Assoziationsfeld das mir gefällt und wir sagen sofort zu.
Wir haben heute also die Kuppel dort aufgebaut und wie befürchtet haben auch nicht viele Besucher den Weg dorthin gefunden, aber die wenigen Gespräche über die Zukunft Europas waren sehr intensiv, das ständige Wechseln zwischen verschieden Sprachen und die Notwendigkeit der Übersetzung für diejenigen, die die gerade gesprochene Sprache nicht verstehen ist der Langsamkeit und Intensität des Gesprächs eher förderlich. Besonders erfreut hat mich ein Gespräch mit einem Künstler aus Dänemark, der z.Z. im Zentrum zu Gast ist und mit seiner Projektgruppe „Hello earth“ interessante Projekte macht, demnächst werden sie in Pamplona eine „Schlaf-Performance“ machen mit der Intention, damit die postkapitalistische Gesellschaft zu befördern. Unsere Intention, den Camino rückwärts nach NEUROPA zu laufen, da wir den „reset“ schon hinter uns haben, passt gut zu seiner Überzeugung, dass wir im Schlaf schon immer ganz woanders sind…
Jedenfalls hat es sich gelohnt die Kuppel trotz einiger Widrigkeiten aufzubauen und wir verabschieden uns vom Kunstzentrum Huarte mit der Überzeugung, dass die abweisend autonom-moderne Gestalt des Zentrums nicht unbedingt Ausdruck der hier entwickelten Kunst-Praxis ist, die Künstler verstehen es sehr wohl sich in den urbanen und sozialen Kontext des Ortes einzubringen, sie haben die hermetische Selbstbeschränkung der Moderne schon längst hinter sich gelassen. Nicht immer ist die architektonische Form der passende Ausdruck des Inhaltes.