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Achberg

NEUSTART 2018. Eine Kooperation des Projektes  „Camino revolta“ mit dem Projekt „European Public Sphere“ ist in Vorbereitung, wir haben uns  in Achberg am Bodensee im Kulturzentrum „Humboldhaus“ getroffen und Möglichkeiten des Zusammen-Wirkens besprochen. Herausgekommen ist dabei unser gemeinsames Aktionskonzept:

Zwei Projekte, ein Ziel: „CAMINO REVOLTA“ und „EUROPEAN PUBLIC SPHERE“ gemeinsam

AUF DEM WEG NACH NEUROPA!

CAMINO REVOLTA“: wir gehen den Jakobsweg in die umgekehrte Richtung auf der Suche nach Impulsen für ein neues Europa!

Das Projekt „CAMINO REVOLTA“ ist ein künstlerisches Bild der „UMKEHR“ und des „NEUBEGINNS“: Wir gehen den Jakobsweg in die umgekehrte Richtung, vom Endpunkt des „alten Europa“ in Finisterre quer durch Europa auf der Suche nach Impulsen für ein neues Europa. Wir führen im Gepäck das „MANIFEST VON FINISTERRE“, in dem wir erste Ideen für ein neues, solidarisches Europa ins Gespräch bringen. Auf unserem Weg wollen wir ins Gespräch kommen mit den Menschen, die uns entgegenkommen. Welche Visionen und Ideen für die Zukunft haben Sie für sich persönlich, aber vor allem für unsere gemeinsame Zukunft? Hat Europa eine Zukunft? Und wenn ja, wie gestalten wir unser „NEUROPA“, ein „Europa der Menschen“?

Bei ausgewählten Etappenzielen werden wir den „EUROPE DOME“ treffen und unter der temporären Kuppel gemeinsame Gesprächs-Veranstaltungen am jeweilgen Ort realisieren

EUROPEAN PUBLIC SPHERE“:

Der „Europe-Dome“ als Raum für Gespräche

Das Projekt European Public Sphere macht es sich zur Aufgabe, öffentliche Gepräche über Europa zu führen. Für diese Gespräche den öffentlichen Raum und errichten dazu eine geodätische Kuppel – den Europe- Dome. Unter seinem Dach kommen Menschen zusammen, die für Europa etwas in die Waagschale werfen wollen. Es soll nicht eine Versammlung von Organisationen und Institutionen sein, sondern eine Versammlung von Menschen mit Gedanken und Ideen! Ideen, die schon zu konkreten Initiativen und Taten führen und die Bausteine für die soziale Architektur in Europa sein können.

Wir haben diese Initiative ergriffen, weil wir davon überzeugt sind, dass wir schon etwas haben, um es mit unter die Kuppel zu bringen. Aber wir machen uns auch auf die Suche nach all den anderen Menschen mit ihren Bausteinen für Europa. Wir wollen die erreichten Ergebnisse zur Diskussion stellen und gemeinsam weiterentwickeln.

Es geht um die Zukunft Europas!

Europa hat aus den Erfahrungen seiner Geschichte die Konsequenz gezogen, ein gemeinsames Haus für seine Staaten und Kulturen zu bauen – ökonomisch in einem gemeinsamen Wirtschaftsraum, politisch-rechtlich durch die Bildung einer Staaten-Union, kulturell in miteinander zu verständigenden Werten und zuletzt auch durch die gemeinsame Währung des Euro.

In varietate concordia – In Vielfalt geeint“ ist das Motto der Europäischen Union. Damit dieser Gedanke nicht zur bloßen Floskel verkommt und der umfassende Integrationsprozess nicht ins Stocken gerät, braucht es Ideen und Initiativen, die Europa demokratisch weiterentwickeln:

  • Wie wollen wir unser Gemeinwesen im 21. Jahrhundert gestalten?
  • Was sind die Entwürfe für eine europäische Demokratie?
  • Welche Rolle hat die Bildung, die Wissenschaft und die Kunst?
  • Wie kann ein zukunftsfähiger Weg der Wirtschaft und des Geldes aussehen?

Orientiert an diesen Leit-Fragen wollen wir nach den Konsequenzen fragen, die all das für die

vielfältigen Lebensbereiche der Bürgerinnen und Bürger in Europa hat. Wir wollen Antworten finden für die

Herausforderungen Europas in einer globalisierten Welt, in der die soziale Sicherheit immer mehr bedroht und unsere Lebensgrundlagen in Gefahr sind, in der wir zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der Natur finden müssen und es der globalen Solidarität bedarf? Dazu will das Projekt European Public Sphere mit möglichst vielen Menschen in Europa ins Gepräch kommen.

Das Projekt wird auf verschiedenen Plattformen im Internet einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht und bietet damit eine zusätzliche Partizipations- und Informations- Ebene.

Zwei Videos unserer beiden ersten Dome-Talks und weitere Links:

https://youtu.be/Xm0pmILS4I8 und https://youtu.be/F3LPN2ZquDQ

www.facebook.com/EuropeanPublicSphere und www.flickr.com/photos/EuropeanPublicSphere

Twitter und Instagram: @EU_PublicSphere

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Stuttgart

In der aktuellen Ausstellung „PRÄSENZ / KRITIK / UTOPIE“ im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart  ist nun die Installation „CAMINO REVOLTA“ zu sehen, die über das Projekt informiert.  Neben zwei Info-Texten, die das „MANIFEST von FINISTERRE“ beinhalten sowie Informationen zur „SOCIETÉ MONT PÈLERIN“ läuft ein Video-Zusammenschnitt aus meiner subjektiven Pilger-Perspektive, der die zahlreichen „Entgegenkommenden“ zeigt sowie darüber  ein großes Transparent mit dem Schriftzug „NEUROPA“. Die BesucherInnen können sich das Manifest auch mitnehmen und zuhause in Ruhe durchlesen.  Vielleicht finden sich noch weitere Menschen, die im kommenden Früjahr die nächste Etappe mitpilgern wollen, über die zeitschriften-Beiträge, die  zu dem Projekt veröffentlicht wurden haben sich schon die ersten Interessierten gemeldet.

Und hier der Text  des „MANIFEST von FINISTERRE“:

MANIFEST von FINISTERRE
Wir stehen an einem Wendepunkt: Wir sind einen langen Weg gegangen, haben vieles erreicht und manches verfehlt, unsere kritische Selbstreflexion erschließt uns neue Horizonte und wir sind der festen Überzeugung, dass ein zukunftsfähiges Zusammenleben in einem NEUEN EUROPA möglich ist.
Wir sind aufgebrochen zu neuen Horizonten, die eine Verwandlung des Vergangenen einschließen: Wir sind überzeugt, dass die grundsätzlichen Werte Europas, die unserer langen humanistischen Tradition verwurzelt sind und im Zeitalter der Aufklärung in die allgemeingültige Formulierung von „Freiheit, Gleichheit und Solidarität“ gefasst wurden, einen wichtigen Beitrag leisten für die Entwicklung einer friedfertigen Kultur, in Europa und weltweit.
Wir haben aber auch erkannt, dass diese Werte noch nicht in dem Umfang realisiert sind, wie es wünschenswert wäre. Zwar leben wir in Europa in einigermaßen funktionierenden demokratischen Gemeinwesen, diese sind aber einerseits gefährdet von immer wieder aufflackernden antidemokratischen Tendenzen und sie sind andererseits etwicklungsfähig hinsichtlich einer umfassenderen politischen Teilhabe der Bevölkerung.
Wir haben auch die Entwicklung kultureller Standarts erreicht, die die Freiheit des Denkens, den freien Zugang zu Bildung und die freie Meinungsäußerung weitestgehend gewährleisten, wir sind uns jedoch der permanenten Gefährdung dieser Errungenschaft durch Medien-Manipulation und ungleiche Bildungschancen bewusst.
Das bedrängendste Defizit der Nicht-Realisierung unseres Werte-Kanons zeigt sich jedoch in der zunehmenden Entsolidarisierung der Gesellschaft. Die historische Entwicklung der Besitzverhältnisse und die Formatierung der Marktwirtschaft in ihrer aktuellen Ausprägung führen zu einer sozialen Ungleichheit und Ungerechtigkeit, die in ihrem Ausmaß ständig fortschreitet und sozialen Sprengstoff bildet. Unsere demokratischen Errungenschaften sind durch diese Entwicklung zunehmend bedroht,
die Ideologie des Neoliberalismus schreibt diese Verhältnisse fort, zugleich entwickeln sich irrationale Ängste und Ausweichbewegungen bei vielen Menschen, die sich gegen Minderheiten richten. Der Rückzug auf nationale Interessen und eine allgemeine Haltung des „me first“ bedrohen den sozialen Frieden in Europa, nationalistische Tendenzen breiten sich aus und gefährden den Fortschritt der europäischen Idee.
In dieser Bedrängnis liegt jedoch auch die Chance zu einem neuen Aufbruch, am Horizont zeigen sich die ersten schemenhaften Umrisse eines NEUEN EUROPA. Zahlreiche Menschen gründen aktuell Initiativen und Bewegungen, die Bausteine zu einem neuen Europa sind, jeweils auf ihrem Gebiet.
Für ein Europa der Solidarität
Die Orientierung des Wirtschaftens am Gemeinwohl statt am Eigennutz, die Bildung genossenschaftlicher und assoziativer Wirtschaftseinheiten, Ideen für ein anderes Geld- und Bankenwesen, die Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen – dies sind nur ein paar wenige Beispiele für ein neues Denken in wirtschaftlichen Zuammenhängen, das Grundlage eines solidarischen Europas werden könnte. Die Erkenntnis, dass ungezügeltes Wirtschaftswachstum eine Sackgasse ist und Konkurrenz und Profitstreben der entfesselten Marktwirtschaft die Ursachen der Entsolidarisierung sind, setzt sich immer mehr durch, immer mehr Menschen leiden unter ihren entfremdeten Lebens- und Arbeitsverhältnissen und sind auf der Suche nach alternativen Lebensmodellen. Initiativen wie z.B. DIEM 25 haben Konzeptionen für einen NEW DEAL erarbeitet, die Grundlage für einen gemeinsamen europäischen
Wirtschaftsraum sein könnten, der SOLIDARITÄT anstelle nationalen und individuellen
Eigennutzes favorisiert.
Für ein Europa der Regionen und der direktdemokratischen Partizipation:
Der Tendenz zur zunehmenden Bürokratisierung und Zentralsierung von politischer Entscheidungsgewalt in nicht ausreichend demokratisch legitimierten Gremien stellt sich eine Kritik entgegen, die mehr Beteiligungsmöglichkeiten einfordert im Sinne direktdemokratischer Abstimmungsmöglichkeiten.
Auch die Regionen Europas fordern mehr Spielraum für autonome Entscheidungsprozesse, statt einem Europa der gegenseitigen nationalen Blockaden bringen fortschrittliche Konzeptionen die Überlegung einer „Europäischen Republik“ ins Gespräch, die statt aus Nationen aus autonomen Regionen sich bildet.
Für ein Europa der Freiheit und kulturellen Vielfalt:
Die Achtung vor dem Anderen und die Wertschätzung kultureller Vielfalt sind Werte, die sich gegen Ressentiment, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus durchgesetzt haben, sie sind unverhandelbar und werden von vielen Menschen und Initiativen gelebt. Diese Werte sind aktuell gegen Angriffe zu verteidigen, die in der „Angst vor dem Anderen“ begründet sind, Offenheit und Toleranz braucht jedoch mutige Menschen!
Freie Medien als Möglichkeit der Informationsfreiheit und des offenen gesellschaftlichen
Diskurses sind unabdingbare Grundlagen demokratischer Gesellschaften, sie gilt es zu schützen gegen Missbrauch und Manipulation, gegen Einflussnahme und Machtkonzentration. Der freie Zugang zu vielfältigen Bildungseinrichtungen ist Voraussetzung einer Persönlichkeitsentwicklung, die jedem Menschen zusteht, sie ermöglicht die Entfaltung einer Dialogkultur, die wiederum die Grundlage demokratischer Teilhabe ist. Initiativen für die Verteidigung der
„Offenen Gesellschaft“ sind zeitnotwendig.
Um diese Inspirationen in ein sinnliches Bild der BEWEGUNG zu kleiden, haben wir das Projekt einer paneuropaischen GEGENBEWEGUNG mit der Zielrichtung eines NEUEN EUROPA gestartet: Seit dem 1 April 2017, dem 70ten Jahrestag der Gründung der Société Mont Pèleri (dem ersten think tank des Neoliberalismus) sind wir auf dem CAMINO REVOLTA (Jakobsweg rückwärts) unterwegs Von Finisterre, dem Ende der alten Welt, quer durch Europa zum Mont Pèlerin und tragen die Botschaft des Aufbruchs in ein NEUES EUROPA mit uns. Wir wollen in den nächsten Monaten und Jahren mit möglichst vielen Menschen diesen Weg gehen und unterwegs Möglichkeiten des  Gedankenaustausches und der Information initiieren. Unser Ziel ist ein NEUES EUROPA, in dem die Werte der Freiheit, der Gleichheit und der Solidarität endlich
die ihnen gebührende gesellschaftliche Gestalt bekommen.
Das NEUE EUROPA zeigt sich am Horizont, es liegt an uns, diese Chance jetzt zu ergreifen.

Irgendwo in Europa

Seit 2 Wochen bin ich nun wieder sesshaft, aber die innere Bewegung geht weiter.  Was mich seither sehr beschäftigt hat ist die Beobachtung, wie sehr unser Blog-Thema „Zukunft Europas“ in den letzten Wochen und Monaten zu einem zentralen Thema auch in den Medien geworden ist. Überall in Europa beginnen Menschen sich zu organisieren um gemeinsam Ideen und Impulse in die Welt zu bringen für eine bessere Zukunft und es gibt immer mehr innovative Überlegungen, wie  eine Transformation Europas gelingen könnte. Einen der interessantesten Denk-Ansätze habe ich bei der Politologin Ulrike Guérot gefunden, die die Idee zu einer „Europäischen Republik“ ins Gespräch bringt:

 „Es geht bei der europäischen Republik nicht darum, den Leuten etwas wegzunehmen, Heimat oder Identität, sondern zu fragen: Ist die Heimat wirklich deine Nation oder ist Heimat dein Südtirol, dein Waldviertel, deine Küche, deine Tracht, was immer? Robert Menasse sagt: Heimat ist Region, Nation ist Fiktion. Nationen sind konstruierte Erzählungen. Die Nation war wunderbar und hat uns zwei-, dreihundert Jahre sehr geholfen, das politische Gemeinwesen zu organisieren. Aber sie ist nicht mehr die richtige Gussform für die Zukunft. Wenn wir sagen, wir machen eine europäische Republik, die aus den autochthonen Regionen bestehen würde, Böhmen, Mähren, Katalanien, Schottland, Tirol, Bayern, Saarland, Sachsen etc., dann könnte man ein politisches System ähnlich dem amerikanischen machen. Jede Region entsendet zwei Senatoren in den Senat, das würde die Regionen und ihre Befindlichkeiten aufwerten. Dann könnten die Wallonen ihre Meinung einspeisen, ohne dass sie da so einen Vetostress machen. Dazu müssten wir ein europäisches Repräsentantenhaus wählen, von Lappland bis zur Algarve, das nach einer Bedingung funktioniert: one person, one vote. Alle sind vor dem Recht gleich. Transnationale Wahlkreise, wo wir das Politische vor die Nation stellen.“ Und  die Zeitschrift „Standart kommentiert diesen Entwurf folgendermaßen: „So könnte tatsächlich eine EU aussehen, die sich von den überkommenen Nationalstaaten löst, die Regionalität betont und die ganze Union auf ein demokratisches Fundament stellt, sodass im Sinne der Bürger gehandelt werden kann.“

Mein Eindruck: Wenn jemand schon soweit denken kann, dann sind wir schon mittendrin im geslleschaftlichen Transformationsprozess. Zeit für jeden Einzelnen sich persönlich auf den Weg zu machen.

( Auf dem Foto oben ist die Installation zu sehen, mit der das Projekt „Camino revolta“ auf Ausstellungen und Veranstaltungen demnächst präsentiert wird)

 

Bilbao

Was bleibt, wenn das Gehen zu Ende geht? Zunächst das Bedürfnis weiter zu gehen. Im übertragenen Sinn, aber auch ganz konkret. Sobald wie möglich. Ich habe diese „Auszeit“ als etwas sehr heilsames erfahren, ein ruhig- und wesentlich-Werden. Heute in Bilbao angekommen ( von dort fliegen wir übermorgen zurück) hat mich das städtische Leben zunächst überfordert, die Vielfalt der Eindrücke und Geräusche, die hektische , unachtsame Atmosphäre. Das ist unser Alltag, Seelen- und Nervtötend und wir spüren es normalerweise gar nicht. Ich werd mich wohl in langsamer Dosierung wieder eingewöhnen müssen und einen Weg finden, wenigstens ein bisschen der „Camino-Substanz“ weiter zu kultivieren.
Was ich als „erwanderte“ Substanz mitnehme ist auch ein Gefühl der Dankbarkeit. Zum einen gegenüber meinem Begleiter Andreas für die Umsichtigkeit seiner Führung, seiner musikalischen Ausgestaltung des Weges und seiner hilfreichen Unterstützung beim täglichen Hochladen dieses Blogs (er hat u.a.die ganzen Videos nachbearbeitet!) Vor allem aber für die Gespräche und den gedanklichen Austausch, der mich auf meinem „inneren Weg“ weitergebracht hat. Bedanken will ich mich aber auch bei Euch, unseren Followern fürs mentale Mitpilgern und Eure anteilnehmenden Kommentare. Auch die sind ein Stück des Weges geworden.
Bedanken will ich mich aber vor allem bei den „Entgegenkommenden“, den tausenden, denen wir „bon comino“ gewünscht haben und die diesen Gruß erwidert haben. Es hat sich mit der Zeit so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl gebildet, gerade weil wir entgegen gelaufen sind. Nicht nur jeden einzelnen Pilger von vorn zu sehen und abzuspüren, ob sich ein kleines Gespräch entwickeln könnte, sondern auch die Erfahrung, die damit verbunden war, dass es sich hier um einen unablässigen Pilgerstrom handelt, der uns jetzt gerade in einer einzelnen Person begegnet, der aber seit Jahrhunderten in dieser Unablässigkeit in Richtung Santiago strömt (und früher in gleichem Maße zurück) war etwas ganz Besonderes. Jeder ist hier in gewisser Weise ein „Einzelner“, insofern er oder sie sein en ganz eigenen Weg geht, und dennoch ist mir gerade in unserer Erfahrung des „gegen-den-Strom-Laufens“ deutlich geworden, wie viel Füße mit der Zeit einen Weg bilden. Das macht Mut den Weg, den wir für die Zukunftsfähigkeit der globalen Gesellschaft gehen müssen,- jeder für sich , an seinem Ort, in seinen sozialen Zusammenhängen, – in der Gewissheit weitergehen zu können, dass auch auf diesem Weg die Summe dieser vielen kleinen Schritte von vielen Menschen an vielen Orten zusammen gesehen einen Weg ergeben. Auch wenn das oft unsichtbar bleibt. Auf unserem „ONCOMING“-Weg sind wir sozusagen zu Zeugen geworden, für die, die das nicht erleben können, weil sie Teil des Stromes sind. Und noch etwas wichtiges nehme ich mit: DasErlebnis einer schlichten und sehr alltäglichen Achtsamkeit und Solidarität, die hier zur „Pilgertugend“ wurde. Im Gegensatz zu einigen literarischen Schilderungen des Jakobsweges, die ich vorher gelesen hatte, sind uns keine Situationen begegnet, bei denen wir unsere Mitpilger auf den Mond gewünscht hätten. Zwar ist das Übernachten in Schlafsälen mit bis zu 250 Menschen gewöhnungsbedürftig, aber gegen das obligate Schnarchgeräusch gibt es Ohropax und ansonsten war ich beeindruckt, wie rücksichtsvoll und nahezu geräuschlos das zu Bett-gehen und das morgendliche Aufstehen und Packen abläuft. Die Selbstdisziplin, Achtsamkeit und Rücksichtnahme in dieser Dimension hat mich positiv überrascht und auch das macht Mut, an die sozialen Fähigkeit der Menschen zu glauben.
Für mich jedenfalls hat diese Erfahrung gezeigt, dass es sich lohnt, diesen Weg zu gehen und wenn wir demnächst weitergehen, dann gerne auch mit jedem Einzelnen von Euch, der/die sich entschließt diese Erfahrung ebenfalls zu machen.
Wann es konkret weitergeht, darüber werde ich dann auf diesem Blog berichten.

VIDEO  „Erscheinung in Bilbao“   https://youtu.be/2QB28fZSHYY

 

Und zum Abschluss hier noch ein paar Zeichnungen aus meinem kleinen Skizzenbuch, die mir auch geholfen haben langsamer und genauer hinzuschauen.

Burgos

letztes Etappenziel unserer Pilgerreise rueckwärts: Burgos. Zumindest vorläufig, es soll ja weitergehen demnächst oder baldmöglichst in Richtung Deutschland. Zeit für eine erste Zwischenbilanz. Was hat sich für mich verändert, wie hat sich mein Blick (und mein Denken) verändert, indem er durch die Füße ging?
Eine Erfahrung, an die ich im Vorhinein nicht gedacht habe und die mich sehr beschäftigt hat, war die ständige Präsenz von so etwas, was ich versucht bin einen „historischen Kulturraum“ zu nennen. Ein Eintauchen in eine andere, längst vergangene Zeit, die Zeit in der hier mittelalterliche Pilger unterwegs waren, die zutiefst von einer Idee beseelt waren. Die vielen romanischen Kirchen am Wegrand und der teilweise noch in seiner Ursubstanz erhaltene Weg hat mich immer wieder vor die Frage gestellt, was genau diese Idee war, die die Menschen nach der ersten Jahrtausendwende in Europa so tief erfasst hat und zugleich ist die Frage in mir sehr präsent geworden, ob wir nicht auch an einer derartigen „Zeitenwende“ stehen. Aber ich spüre dieses Empfinden mehr als innere Not, als Sehnsucht nach einem notwendigen Aufbruch, weniger als ein sich tatsächlich schon zeigendes Geschehen. Natürlich kann es kein „Zurück“ geben zu den Inhalten der damaligen „Transformation“ Europas, auch wenn macher Pilger, der uns Kreuztragend entgegenkam das sich vielleicht so vorstellt. Ich habe eher das Gefühl, dass wir derzeit noch das „Noch Nicht“ aushalten müssen, bevor die Substanz des Wandels sich als eine Idee zeigt, die diese Kraft entfaltet.
Nach einem leichtfüssigen Weg durch eine herrliche, saftiggrüne Hügellandschaft (die Beine laufen inzwischen von alleine, ich muss mich nur noch tragen lassen von ihnen) hatte ich mich eigentlich auf die Besichtigung der Kathedrale von Burgos gefreut. Dann aber wieder dieselbe Enttäuschung wie in Astorga. Von außen strahlt dieser Bau zwar eine gotische Würde aus, aber schon sein immer wieder erweiterter Grundriss (der die Kathedrale zu einem unübersichtlichen, unklaren Baukörper macht) hat mich stutzig werden lassen. Und beim Eintreten hat sich dieses Gefühl dann bestätigt. Keine erhabene Einfachheit, kein klarer Gedanke, kein Klang, der mich ergreifen konnte. Ein Sammelsurium von Kunstschätzen und architektonischen Ideen, die sich alle versuchen gegenseitig zu übertrumpfen. Die letzte Spur von Heiligkeit ertränkt in Gold und ornamentalem Geschwulst. Machtdemonstration pur. Dem Gott, dem hier gehuldigt wird, würde ich keinen Meter über den Weg trauen. Der Geist der Rekonquista. Mein franziskanisches Gemüt erschauert bei so viel Prunk und Pracht und sehnt sich zurück in irgendeine Einsiedelei am Wegesrand. Aber auch das wäre ein Zurück…
Wo bitte geht es nach Neuropa? Ultreija.

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Hontanas

Dass man mit Gegenwind rechnen muss, wenn man die Gegenrichtung einschlägt, war klar, dass er aber so eisig und scharf werden würde wie heute, damit hatte ich nicht gerechnet. Gestern abend gab es nach einem kurzen Gewitter einen Wetterumschwung und heute war es ziemlich kalt, der leichte Regen und der eisige Wind haben uns klar gemacht, dass Caminopilgern auch heisst, die Komfortzone zu verlassen, in jeglicher Hinsicht.
Zu Beginn unseres Weges hatte ich einmal die Frage gestellt „Wozu soweit gehen?“ und heute, 600 km und vier Wochen später, bin ich der Antwort vielleicht ein bisschen näher gekommen. Man entscheidet sich soweit zu gehen, wenn man das Gefühl hat, dass es so nicht weiter geht. Das ist nicht nur mein persönliches Empfinden, sondern das Fazit aus einigen Gesprächen, die ich hier mit „Entgegenkommenden“ führen durfte. Dass das Leben so, wie es bisher gelebt wurde, irgendwie nicht einfach so weitergehen kann oder soll, das scheint (zumindest für einige) klar zu sein. Wie es aber anders sein könnte, das ist die Frage, mit der hier viele unterwegs sind. Weniger Stress, gelebte Einfachheit, Angebundensein an die Natur, mehr Tiefe und weniger Ablenkung, das waren Stichworte, die immer wieder fielen. Auch der Wunsch, sich über notwendige berufliche und familiäre oder partnerschaftliche Veränderungen klarer zu werden bewegt viele Menschen, sich „auf den Weg zu machen“. Intuitiv zu spüren, dass Veränderung immer ein Prozess ist, der seine Zeit und vor allem Abstand vom Gewohnten braucht, ist für einige Gesprächspartner eine wichtige Motivation gewesen, die Langsamkeit des Caminos als Chance zu nutzen. Eine neue „Vision“ für das eigene Leben entsteht langsam, Schritt für Schritt und sie braucht Zeit zu reifen. Gestern abend hatte ich ein Gespräch mit einem Pilger aus Deutschland, der sich vorgenommen hatte, solange zu gehen, bis er Klarheit für seine innere Frage gefunden hat, das ist beeindruckend konsequent.
Persönliche Transformationsprozesse dürften also für viele „Entgegenkommende“ der Grund und das Ziel ihres Weges sein. Die Frage nach Visionen die uns alle betreffen ist daher auf dem Camino eher eine ungewöhnliche Fragestellung. Ich habe das langsam begriffen als ich bemerkte, dass die Interview-Gespräche zum Thema „Visionen für Europa“ meist zu sehr allgemeinen Aussagen führten, zumindest sobald die Video-Kamera eingeschaltet wurde. Die wirklich bewegenden und authentischen Aussagen bezogen sich auf individuelle Transformationsprozesse oder fielen, wenn keine Kamera im Spiel war. Lediglich ein paar Protagonisten, die eindeutig eine gesellschaftliche Vision als ihre persönliche Mission verstehen, äußerten in Kamera-Interviews Statements, die ich mir erhofft hatte. Insofern ist mir auf meinem Weg klar geworden, dass ich hier am Konzept der Aktion „ONCOMING“ in der Zukunft etwas korrigieren muss. Dennoch sehe ich das Konzept nicht als gescheitert an, es war von Anfang an als Erfahrungs-Prozess angelegt, aus dem weitere Schritte abgeleitet werden können. Individuelle und gesellschaftliche Transformationsprozese gehören zusammen, aber es ist auch klar, dass es zunächst die vielen kleinen Änderungen in vielen einzelnen Existenzen sind, die langsam die Voraussetzung schaffen für gesellschaftliche Veränderungen. Bevor wir den utopischen Ort (im exakten Sinne eines „Nicht-Ortes“) finden, den ich gestern in meiner Pilgertrance herbeiphantasiert habe, sind noch viele Schritte von vielen Menschen zu gehen. Hier und dort und überall. Und ein bisschen Gegenwind muss man dabei auch in Kauf nehmen.

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