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Stuttgart

 

Kann man gleichzeitig für etwas und gegen etwas  sein? Man kann nicht nur, man muss geradzu im Fall Europas. Man muss sich heute bei jeder Gelegenheit stark machen für Europa, aber eben ein ANDERES EUROPA als  das, das wir bisher kannten.

Heute waren in zahlreichen Städten Europas Hundertausende auf den Strassen um für ein anderes Europa zu demonstrieren- ein soziales und humanitäres Europa, ein wirklich demokratisch strukturiertes Europa, ein Europa, das nicht den Nationalisten und Populisten zum  Fraß vorgeworfen wird. Ein Europa, das nicht Tausende an seinen Grenzen im Mittelmeer ertrinken lässt oder denen, die hier Schutz suchen, diesen verweigert. Ein Europa, das  sich wieder auf seine Grundwerte besonnen hat.  In Deutschland  waren es über 150 000 Menschen in verschiedenen Großstädten, in Stuttgart über 12 000 die für dieses neue Europa auf die Straße gingen.

Ich habe mich gern eingebracht in die Demonstration in Stuttgart  für ein anderes Europa mit dem mobilen NEUROPA-Infostand. Zwischen  dem Stand von CAMPACT und PULS OF EUROPE haben wir uns  sehr wohl gefühlt  mit unserer Botschaft eines NEUEN EUROPAS.  Und beim Demo-Umzug durch die Stuttgarter Innenstadt haben wir uns dann ganz am Ende eingereiht: Die Letzten werden die Ersten sein.  NEUROPA wird sich zeigen, wenn das alte Europa an seinen Widersprüchen gescheitert ist. Davon bin ich fest überzeugt.

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Paris

„FRANCE DˋABORD!“ und „FREXIT, Pour regagner le democratie!“ mit diesen unsäglichen Plakaten wird man hier in Paris konfrontiert. Es sieht nicht gut aus im alten Europa ein paar Wochen vor den Wahlen. Die Rattenfänger sind unterwegs und die alte EU mit ihren undemokratischen Strukturen liefert ihnen die passenden Steilvorlagen. Dass der Weg zurück in alte nationalistische Strukturen eine fatale Sackgasse ist, soweit denken viele Menschen leider nicht.
Eigentlich hatte ich mich über meinen kurzen Zwischenstop bei der Rückreise über Paris gefreut und ich wollte die Zeit nutzen, um ein bisschen die Großstadtluft zu schnuppern. Dann hab ich aber schnell gemerkt, dass ich mit der Geräuschkulisse, dem Verkehr und den vielen Menschern in den Strassenschluchten komplett überfordert bin. Nach ein paar Wochen intensiven Naturerlebens sind die Sinne so weit offen, dass die Kakophonie der Großstadt einfach nur stressig ist.
Jetzt sitz ich in einem typischen Strassencafe an einem ruhigen Platz, beobachte die geschäftigen Menschen hier und freue mich, dass ich einen Platz gefunden habe, der direkt an meinem Fernwanderweg liegt (wenn ich die Strecke über Paris gehen würde). Am Laternenpfahl mir gegegenüber hab ich mit geübtem Pilgerblick das Wegzeichen entdeckt und es beruhigt mich, überall zuhause zu sein: Unterwegs nach NEUROPA.

Cahors

Mein Einlauf heute in Cahors war fulminant. Ich hatte mir insgeheim gewünscht, dass zum Europatag dort die Glocken läuten, die Menschen auf den Strassen tanzen und ich mit Pauken und Trompeten begrüßt würde. Nein, natürlich nicht weil ich die aktuelle Etappe geschafft habe (ich leide zwar unter fortgeschrittenem Wanderwahn, jedoch noch nicht an Größenwahnsinn) sondern weil der 9. Mai für Europa ein ganz besonderer Tag ist, der es nicht genug verdient gefeiert zu werden. Der Jahrestag der deutschen Kapitulation ist zugleich die Geburt einer neuen Epoche für Europa, immerhin haben wir jetzt über 70 Jahre Frieden in dieser Region. Das kann nicht genug gefeiert werden und es ist schade, dass es die EU-Kommission bisher nicht geschafft hat, diesen Tag zu einem richtigen, europaweiten Feiertag zu erklären.
Aber welche Überraschung am berühmten Brückentor von Cahors: Die gesammelte Linke hatte sich dort versammelt um mich zu begrüßen und in ihrer Mitte aufzunehmen. Ein Demonstrationszug mit allen linken Organisationen die Rang und Namen haben, Gewerkschaften, Syndikalisten und sogar einige Gelbwesten zogen durch die Stadt und forderten eine soziale Wende. Und ich mittendrin mit meiner NEUROPA-Fahne. So sollte das immer sein, wenn ich irgendwo einlaufe, dann wird das mit NEUROPA vielleicht schneller als gedacht! Ich kann jetzt also heut Nacht beruhigt in den Bus Richtung Heimat steigen…..

Lascabanes

In der heutigen Ausgabe der Kontextwochenzeitung kommt ein sehr schöner und umfassender Bericht zu meiner Wanderung unter dem Titel „Der weite Weg nach Neuropa“ (https:www.kontextwochenzeitung.de/kultur/423/der-weite-weg-nach-neuropa-5900html) von Dietrich Heissenbüttel.

Mit einem Bild, das er darin verwendet, kann ich mich sehr gut identifizieren: Es ist das Bild von Don Quichotte (und mein Begleiter Dieter wäre dann Sanchez Panza), dem absurden Ritter, der in seiner Phantasiewelt lebt und manche Kämpfe (z.B. gegen Windmühlen) besteht. Die Idee, Europa vom „Ende der Welt“ her zu durchqueren auf der Suche nach NEUROPA hat durchaus diesen tragisch-komischen Aspekt. Zumindest wenn man die (derzeitige) Realität Europas kennt. Aber genau das ist ja mein Privileg als Künstler – und insofern handelt es sich ja auch tatsächlich um eine Kunst-Aktion: Ich darf Realitäten einfach ignorieren und durch Utopien ersetzen! Und das Finden eines neuen Europas ist durchaus der Absurdität adäquat, allein durch weite Landschaften zu pilgern auf der Suche nach der verschollenen Zukunft. Es ist ein Bild – und ich hoffe ein starkes.
Utopien leben davon, dass sie entgegen jeglicher Realität im Sinne eines Nicht-Ortes gedacht werden – und wenn daraus eine Handlung entspringt- und sei sie zunächst noch so absurd – bewegen wir uns im Feld der KONKRETEN UTOPIE.
Aber natürlich lebe ich nicht nur in dieser utopischen Bilderwelt, ich weis mich durchaus in bester Gesellschaft mit zahlreichen Initiativen und Persönlichkeiten, die an dieser Utopie sehr konkret arbeiten. Meine Lektüre auf der Wanderung war das kleine Büchlein „EUROPA- die unvollendete Demokratie“ von Ute Scheub. Dieses Büchlein kann ich allen wärmestens empfehlen, die sich auf die Suche nach NEUROPA machen. Auf knapp 90 Seiten legt die Autorin eine prägnante Kritik der derzeitigen EU vor und entwickelt dann in sehr anschaulicher Weise die Utopie eines neuen Europa. Sie bezieht sich dabei auf die zahlreichen Ideen und Initiativen, die derzeit überall aus dem Boden sprießen. Um nur ein paar zu nennen: Diem25, Pulse of Europe, WeMove EU, European Youth forum, Stand up for Europe, European Alternatives, Charta der Regionen usw… Besonders weit ausgearbeite Ideen liegen vom „European democratic lab“ von Ulrike Guerrot mit der Konzeption einer Europäischen Republik vor, die sich aus den Regionen bildet sowie von der Organisation „mehr Demokratie“.

Gemeinsam ist den meisten Initiativen die Idee einer „Einheit in der Vielfalt“ und das Bekenntnis zur Stärkung der Regionen und des Europäischen Parlamentes. Den Weg dorthin sehen die meisten Protagonisten über einen verfassungsgebenden Konvent, der weitestgehend „von unten“ organisiert werden sollte.

Dass das ein weiter Weg ist und heute durchaus noch als utopisch gilt, ist den meisten Protagonisten klar- also ist mein Plan Europa zu Fuß zu durchqueren auch nicht so besonders abwegig. Wer wohl früher am Ziel ist?

Ich bin der festen Überzeugung, das der Erneuerungsprozess Europas sehr schnell in Fahrt kommt, wenn der Zerfallsprozess einen bestimmten Punkt erreicht hat. „Wo die Gefahr wächst, wächst das Rettende auch“ wusste schon Hölderlin und deshalb hab ich den Weg nach NEUROPA bewusst mit dem Bild der „Umkehr“ in Finisterre verknüpft. Und ich bin überzeugt, dass künstlerische Bilder (gelegentlich) der Wirklichkeit vorauseilen. In dem Sinne bin ich gerne ein Don Quichotte

Lauzerte

Ein Anliegen, das mir persönlich sehr am Herzen liegt, ist eine neue Wertigkeit des Gemeinwohls in einem erneuerten Europa. Gemeinwohl vor Eigennutz, das ist mir aus gegebenem Anlass heute einen besonderen Blog-Eintrag wert. Heute hab ich nämlich mit dem Gegenteil eine besonders schlechte Erfahrung gemacht.
Es kommt immer wieder mal vor, dass der Pilgerweg einen kleinen Umweg machen muss, weil ein Privatgrundstück den Weg versperrt. Dafür habe ich Verständnis, da viele Gehöfte älter sind als die neu angelegten Pilgerwege. Und dafür nehm ich auch mal ein paar hundert Meter Umweg in Kauf.
Aber was mir heute begegnete hat mir dann doch die Zornesröte ins sonnengebräunte Pilger-Gesicht getrieben. An einem Bach zweigte laut Plan der Weg ab und offensichtlich war das auch bis vor kurzem so, Reste eines gemütlichen Pilger-Rastplatzes waren noch erkennbar. Aber martialische Barrikaden aus Paletten und Stacheldraht verwehrten den Zugang, der Weg war auch offensichtlich neu ausgeschildert worden. Also folgte ich als braver Pilger der Beschilderung in der Annahme, ein paar Meter Umweg in Kauf nehmen zu müssen. Aber Pfeiffendeckel! Der neue Weg führte mehrere Kilometer steil bergan, machte oben auf dem Berg eine Kehrtwendung und führte wieder ein paar Kilometer ins Tal. Und dann ist mir schier der Kragen geplatzt: er endete keine hundert Meter hinter dem versperrten Grundstück! Das waren 5 km Umweg und über eine Stunde!
Ich frag mich welcher notorische Pilger-Hasser sich diesen üblen Streich erlaubt hat und welches Gesetz es zuliess, den öffentlichen Weg zu privatisieren. Sobald NEUROPA Wirklichkeit geworden ist, werde ich dafür sorgen, dass dieser Pilger-Hasser sofort enteignet wird! Höchstpersönlich!

Was mich dann wieder mit der Welt versöhnt hat war eine kleine Installation im öffentlichen Raum auf dem Markplatz in dem schönen Bergstädtchen Lauzerte. Irgend jemand- vielleicht auch ein Gruppe – hat die Wände mit großen , roten Blumen aus Papier beklebt und mit Anliegen beschriftet, die sich durchaus als Programm für NEUROPA lesen lassen. Es gibt sie überall, die Gutmenschen und die Anderen, hoffentlich genug von der Sorte 1.

Moissac

Die Schrecken der realen Welt können mich auf meiner Pilgerschaft weniger erschüttern als die der virtuellen, das hat sich heute wieder mal bestätigt. Zwei grosse, schwarze Schlangen hatten es sich direkt am Wegesrand gemütlich gemacht und da sie sich nicht bequemten, die Flucht zu ergreifen, musste ich dicht an ihnen vorbei. Wir verständigten uns, dass ich nichts von ihnen will und sie nichts von mir. Das hat ganz gut funktioniert.
Was mir aber wirklich Stress erzeugt sind die Schlangen von Bits und Bytes auf den Chips meines elektronischen Equipments. Heute hat meine Videocamera sich entschlossen verrückt zu spielen. Der Bildschirm bleibt schwarz und beim Einschalten der Wiedergabefunktion bekomme ich die Meldung: keine Medien.
Na Bravo! Womöglich sind jetzt alle Video- und Bild-Dokumente dieser Etappe verloren. Ich hoffe daheim auf dem PC vielleicht doch noch etwas retten zu können – aber schlimmstenfalls droht kompletter Datenverlust. Zum Glück hab ich noch mein Skizzen-Buch dabei…..
Wieder einmal ist mir damit auf meiner Wanderschaft meine Abhängigkeit von dieser virtuellen Welt vorgeführt worden. Wenn eines Tages der Grosse Blackout kommt, sehen wir alt aus. Es sei denn wir haben unsere Skizzenbücher und unsere Erinnerungen im Kopf.

Pommevic

Wenn man gut im Flow ist, ereignen sich glückliche Zufälle. Und wenn man etwas findet, das man nicht sucht nennt man das im Englischen „Serendipity“. Ein derartiger Glücksfall ist mir heute in Gestalt eines gigantischen Steinpilzes passiert, der einfach so am Wegrand seine Pracht entfaltete.Ich hab ihn gern mit auf meine Wanderschaft mitgenommen, so etwa ein Pfund hat das gute Stück sicher auf die Waage gebracht, und vollkommen unversehrt war er auch noch!
Die glücklichen Fügungen gingen dann weiter in der Herberge in Miradoux, ein sehr schönes altes Haus, sehr stilvoll eingerichtet mit Antiquitätenund guten Original-Gemälden an den Wänden. Und meine Wenigkeit bekam eine Einzel-Suite mit eigenem Bad zugewiesen, keine Ahnung wie ich zu der Ehre kam. Das war richtiger Hotelkomfort.
Die Krönung aber war mein Dinner! Ein netter jungerFranzose, der auch allein unterwegs war, war mein Tischgenosse, er steuerte Eier, Speck und Käse bei und zusammen gab das ein Steinpilz-Omelette der Spitzenklasse. Wir haben getafelt wie Gott in Frankreich!
Herzerfrischend auch unsere Tischgespräche: er erzählte mir, dass er auf dem Camino sei um sich neu zu orientieren, sein bisheriger Job als „human ressource manager“ war ihm immer fremder geworden und nun war er auf der Suche nach einer sinnerfüllenden Tätigkeit. Etwas im Kontext einer NGO könnte er sich vielleicht vorstellen, aber zunächst braucht er eine Pause um seine Ressourcen wieder aufzufüllen. Das nenn ich einen weisen Entschluss.
Auch unsere Gespräche über mein NEUROPA-Projekt haben mich sehr bestärkt, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Die Notwendigkeit eines tiefgreifenden Umdenkens, was unseren Lebensstil und unsere gesellschaftlichen Verhältnisse betrifft, war auch aus seiner beruflichen Erfahrung heraus absolut angesagt, er meinte aber dass es wahrscheinlich noch 100 Jahre dauert bis wir in NEUROPA angekommen sind. Mag sein, aber ankommen kann man nur wenn man losläuft und deshalb bin ich vor 2 Jahren losgelaufen.